Ein dumpfer, leicht muffiger Geruch, der aus dem scheinbar sauberen Wohnraum aufsteigt, wird selten mit einer tropischen Zierpflanze in Verbindung gebracht. Doch genau Calathea-Arten – geliebte Schmuckstücke wegen ihrer farbigen Blätter und dynamischen Bewegung – können zur ungewollten Quelle eines persistierenden Geruchs werden. Das Phänomen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis subtiler physiologischer und mikrobieller Prozesse, die bei falscher Pflege das natürliche Gleichgewicht der Pflanze kippen.
Calatheas stammen aus den feuchten Böden südamerikanischer Regenwälder, wie mehrfach in der gartenbaulichen Fachliteratur dokumentiert wurde. Ihre Wurzeln sind evolutiv an hohe Luftfeuchtigkeit und luftdurchlässige, aber nie völlig austrocknende Substrate angepasst. Wird diese Balance in der häuslichen Umgebung gestört, verwandelt sich das dekorative Blattwerk in ein kleines Biotop mikrobieller Aktivität – und das riecht man. Die Pflanze reagiert auf Abweichungen von ihren natürlichen Lebensbedingungen mit sichtbaren und unsichtbaren Symptomen, die oft erst wahrgenommen werden, wenn sich bereits ein charakteristischer Geruch im Raum ausgebreitet hat.
Die meisten Pflanzenliebhaber bemerken zunächst nur eine diffuse Veränderung der Raumluft. Etwas riecht anders, ohne dass eine klare Quelle identifizierbar wäre. Oft wird die Suche auf Textilien, Teppiche oder versteckte Feuchtigkeitsschäden konzentriert, während die unscheinbare Calathea auf der Fensterbank außerhalb des Verdachts bleibt. Dabei sendet die Pflanze bereits seit Tagen oder Wochen biochemische Signale aus, die auf ein gestörtes inneres Gleichgewicht hinweisen.
Die Wurzeln der Calathea befinden sich in einem ständigen Dialog mit ihrer Umgebung. Sie nehmen nicht nur Wasser und Nährstoffe auf, sondern regulieren auch den Gasaustausch mit dem Substrat. Dieser Prozess funktioniert jedoch nur, wenn ausreichend Sauerstoff im Wurzelbereich vorhanden ist. In ihrer natürlichen Heimat, den lichten Bereichen tropischer Regenwälder, ist dies durch die lockere Struktur des Waldbodens gewährleistet. Blätter, Rindenstücke und verrottende Pflanzenteile schaffen ein poröses Medium, das gleichzeitig Feuchtigkeit speichert und Luft durchlässt.
In der Wohnumgebung wird dieser komplexe Lebensraum durch handelsübliche Blumenerde ersetzt, die häufig zu kompakt ist und bei wiederholtem Gießen ihre Struktur verliert. Die feinen Luftkanäle zwischen den Erdpartikeln schließen sich, und das Substrat verwandelt sich in eine zunehmend sauerstoffarme Masse. Für die Pflanze beginnt damit eine schleichende Stresssituation, die zunächst unsichtbar bleibt, sich aber biochemisch bereits manifestiert.
Wenn Blätter verfaulen: Die biochemische Quelle des Geruchs
Die oberflächliche Erklärung – „die Erde ist zu nass“ – beschreibt nur das sichtbare Symptom. Tatsächlich entsteht der muffige Geruch durch anaerobe Zersetzungsprozesse, die beginnen, sobald das Wurzelmedium dauerhaft mit Wasser gesättigt ist. Wie in zahlreichen pflanzenphysiologischen Untersuchungen beschrieben wurde, verlagert sich unter Sauerstoffmangel das mikrobielle Gleichgewicht: aerobe Bodenorganismen sterben ab, während anaerobe Bakterien beginnen, organisches Material zu vergären. Dabei entstehen flüchtige organische Verbindungen – insbesondere Alkohole, Schwefelverbindungen und Fettsäuren – die als dumpf, faulig oder modrig wahrgenommen werden.
Der Geruch ist also nicht einfach ein ästhetisches Problem, sondern ein chemisches Kommunikationssignal. Die Pflanze selbst produziert diese Verbindungen nicht aktiv, aber sie schafft durch veränderte Lebensbedingungen ein Milieu, in dem Mikroorganismen ihre Stoffwechselprodukte freisetzen. Diese Substanzen sind gasförmig oder leicht flüchtig und verteilen sich über die Raumluft. Je länger die anaeroben Bedingungen andauern, desto intensiver wird die Geruchsentwicklung.
Interessanterweise können selbst leicht angewelkte Blätter, die nicht vollständig entfernt werden, Geruchsemissionen verstärken. Sobald die Zellen absterben, setzen sie Aminosäuren frei, die mikrobiell umgewandelt werden. So verwandelt sich ein vernachlässigtes Blatt am Stiel zur mikrobiellen Gasquelle im Mikromaßstab. Absterbende Pflanzenteile, die im oder am Substrat verbleiben, bieten zudem eine zusätzliche Nahrungsquelle für Zersetzungsorganismen. Der Abbau dieser organischen Materialien unter sauerstoffarmen Bedingungen führt zur Freisetzung weiterer geruchsaktiver Moleküle.
Luftfeuchtigkeit als doppelschneidiges Schwert
Kaum eine Zimmerpflanze reagiert empfindlicher auf Luftfeuchtigkeit als die Calathea. Laut übereinstimmenden Angaben aus der gartenbaulichen Praxis benötigen Calatheas eine relative Luftfeuchtigkeit von 60 bis 80 Prozent, um optimal zu gedeihen. Sinkt die relative Luftfeuchtigkeit unter diese Schwelle, beginnen die Blätter an den Rändern einzutrocknen und rollen sich ein. Viele Besitzer reagieren darauf, indem sie intensiver gießen – der Beginn des Teufelskreises.
Die Calathea benötigt nicht mehr Wasser im Substrat, sondern mehr Feuchtigkeit in der Luft. Wird stattdessen gegossen, staut sich Wasser im Wurzelbereich, wodurch Sauerstoff verdrängt wird. Die Pflanze kann ihre Nährstoffaufnahme nicht mehr regulieren, das Gewebe degeneriert, und schließlich treten die bekannten Geruchsphänomene auf. Diese Verwechslung zwischen Luftfeuchtigkeit und Bodenfeuchtigkeit ist einer der häufigsten Pflegefehler bei tropischen Zimmerpflanzen.
Physiologisch betrachtet funktioniert die Calathea wie ein lebender Feuchteindikator. Richtig gepflegt, verdunstet sie Wasser über ihre Blattunterseiten und stabilisiert so das lokale Mikroklima. Bei niedrigem Umgebungsdruck oder zu trockener Heizungsluft stoppt sie die Transpiration, wodurch Wasser im Wurzelraum stehen bleibt. Die Pflanze reduziert also ihre Wasserabgabe als Schutzmaßnahme, was paradoxerweise dazu führt, dass das bereits vorhandene Wasser im Topf nicht mehr effizient verbraucht wird.
Die richtige Balance finden
Eine präzise untersuchte Balance ist daher der Schlüssel: hohe Luftfeuchtigkeit bei mäßig feuchtem Substrat. Diese Kombination entspricht den Bedingungen im natürlichen Habitat, wo die Luftfeuchtigkeit konstant hoch ist, während der Boden durch seine lockere Struktur nie wirklich durchnässt wird. In der Wohnung muss diese Balance künstlich hergestellt werden, was ohne Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen schwierig ist.
Die Herausforderung wird besonders in den Wintermonaten deutlich, wenn Heizungswärme die Raumluft zusätzlich austrocknet. In beheizten Räumen kann die relative Luftfeuchtigkeit auf 30 Prozent oder weniger sinken – ein Wert, der für Calatheas extremen Stress bedeutet. Gleichzeitig wird weniger gelüftet, wodurch die Luftzirkulation abnimmt und sich Feuchtigkeit im Substrat noch leichter staut.
Unsichtbare Feinde im Untersetzer
Viele Calathea-Besitzer lassen nach dem Gießen Wasser im Untersetzer stehen – ein häufiger Pflegefehler mit dichter Kausalkette. Wie in Pflegeanleitungen verschiedener botanischer Einrichtungen beschrieben wird, staut sich bei stehendem Wasser im Untersetzer die Feuchtigkeit im unteren Bereich des Topfes, und das Substrat verliert seine Kapillarstruktur. Die unteren Schichten werden zur anaeroben Zone, in der Sauerstoff kaum noch vorhanden ist.
In diesem Milieu entstehen verschiedene gasförmige Verbindungen, die für charakteristische Gerüche verantwortlich sind. Hydrogensulfid trägt zum klassischen „Fauler-Eier“-Geruch bei, während kurzzeitige Fettsäuren einen ranzigen oder sauren Ton erzeugen. Weitere Abbauprodukte verstärken den muffigen Charakter, und bei ungünstigem Klima können sich mykologische Sporen entwickeln, die zur weißen Schimmelpatina an der Erdoberfläche führen.
Das Ergebnis ist ein Geruch, der sich in textile Oberflächen und Möbelpolster einnisten kann – ein unerwarteter Nebeneffekt einer überversorgten Pflanze. Die gasförmigen Moleküle sind klein genug, um in Fasern einzudringen und sich dort zu akkumulieren. Selbst nach Entfernung der Geruchsquelle kann der Geruch in Textilien noch tagelang wahrnehmbar bleiben, was die Identifikation der ursprünglichen Quelle zusätzlich erschwert.

Warum einfache Geruchsneutralisierer das Problem verschlimmern
Viele versuchen, den Geruch mit ätherischen Ölen oder Duftsprays zu überdecken. Kurzfristig mag das wirken, langfristig kann es die Situation verschärfen. Terpene aus synthetischen Duftstoffen lagern sich an Blattoberflächen und Poren ab. Bei Calatheas, deren Blätter über ein feines hydrophiles Cuticulagewebe verfügen, können diese Rückstände die Gasaustauschrate beeinträchtigen und photochemische Reaktionen fördern. Das führt zu braunen Flecken und verringerter Photosyntheseleistung – eine zweite, unsichtbare Form der Schädigung.
Die Stomata, also die Spaltöffnungen auf der Blattunterseite, sind für die Calathea lebenswichtige Strukturen. Durch sie findet nicht nur der Gasaustausch statt, sondern sie regulieren auch die Transpiration und damit die Temperatur der Pflanze. Werden diese Öffnungen durch Rückstände von Sprays blockiert oder beeinträchtigt, kann die Pflanze ihre physiologischen Funktionen nicht mehr optimal ausführen. Dies führt zu weiterem Stress und kann die ursprünglichen Probleme sogar verschlimmern.
Schrittweise Wiederherstellung des mikrobiellen Gleichgewichts
Eine nachhaltige Lösung setzt an mehreren biologischen Stellschrauben gleichzeitig an. Die folgenden Maßnahmen haben sich in der praktischen Pflanzenpflege bewährt und werden von erfahrenen Gärtnern empfohlen:
- Substrat austauschen: Das alte Erdgemisch sollte vollständig ersetzt werden. Ideal ist ein lockeres Substrat aus Kokosfasern, Perlit und Rindenstückchen in einem Verhältnis von etwa 3:1:1. Dieses Gemisch ermöglicht Sauerstoffaustausch und beugt stehender Feuchtigkeit vor.
- Topfdrainage optimieren: Eine Schicht aus Blähton oder grobem Lavagranulat am Topfboden sorgt für Luftzirkulation an der Basis und verhindert, dass die Abflusslöcher durch feines Substrat verstopft werden.
- Moderater Wasserrhythmus: Nur gießen, wenn die obersten zwei Zentimeter des Substrats trocken sind. Regenwasser oder entkalktes Wasser verringern Salzstress, der ebenfalls Fäulnis begünstigen kann.
- Blätter regelmäßig säubern: Staub und flüchtige Aerosole setzen sich auf der Blattoberfläche ab und blockieren Spaltöffnungen. Eine lauwarme Dusche alle paar Wochen ist physiologisch wirksamer als Sprays oder Wachsreiniger.
- Aktivkohle im Untersetzer: Aktivkohle adsorbiert organische Verbindungen und Schimmelsporen effektiv, ohne die Pflanze zu belasten. Eine dünne Schicht Aktivkohlegranulat im Untersetzer kann helfen, geruchsaktive Moleküle zu binden.
Die Vorteile eines solchen Pflegeprotokolls sind messbar: deutlich neutraler Geruch innerhalb weniger Tage, Reduzierung des mikrobiellen Drucks im Substrat, stabile Wasseraufnahme und verbesserte Blattelastizität. Bereits nach wenigen Tagen zeigt sich in der Regel eine Verbesserung, und nach zwei bis drei Wochen sollte der Geruch vollständig verschwunden sein.
Geduld und Konsequenz sind entscheidend
Wichtig ist dabei die Geduld. Die Pflanze benötigt Zeit, um sich von den Stressbedingungen zu erholen und neue, gesunde Wurzeln zu bilden. In dieser Übergangsphase kann es vorkommen, dass zunächst einige ältere, beschädigte Blätter absterben – dies ist ein natürlicher Prozess und sollte nicht beunruhigen. Die Pflanze investiert ihre Energie in neue, gesunde Strukturen und stößt beschädigtes Gewebe ab.
Die Rolle des Raumklimas
Die Calathea kommuniziert fortlaufend mit ihrer Umgebung. Ihr Feuchtebedarf hängt von Temperaturgradienten und Luftströmungen ab. Heizquellen, Klimaanlagen oder Ventilatoren stören die dünne Grenzschichtfeuchte um ihre Blätter. Eine zu schnelle Verdunstung nahe den Spaltöffnungen zwingt die Pflanze, ihre Poren zu schließen, wodurch die natürliche Selbstreinigung ausbleibt.
Ein einfacher physikalischer Trick kann helfen: Verdunstungsschalen oder Mini-Ultraschallvernebler in der Nähe der Pflanze stabilisieren die Feuchte. Erfahrungsgemäß sind Werte zwischen 55 und 70 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit ideal für Calatheas. Kleinraumhygrometer ermöglichen präzise Kontrolle und helfen dabei, die Luftfeuchtigkeit im optimalen Bereich zu halten.
Verdunstungsschalen funktionieren nach einem einfachen Prinzip: flache Gefäße mit Wasser werden in der Nähe der Pflanze aufgestellt, sodass das verdunstende Wasser die lokale Luftfeuchtigkeit erhöht. Noch effektiver sind Schalen mit Blähton, die zur Hälfte mit Wasser gefüllt werden – der Topf steht auf dem Blähton, aber nicht im Wasser selbst. So entsteht durch die große Verdunstungsfläche eine konstante Feuchtigkeitsquelle ohne die Gefahr von Staunässe.
Doch auch Luftzirkulation bleibt unerlässlich: Stagnierende, feuchte Luft begünstigt Pilzsporenbildung auf Blattunterseiten, besonders bei älteren Exemplaren mit dichter Belaubung. Ein leichter Luftstrom, etwa durch gelegentliches Lüften oder einen schwach eingestellten Ventilator in einiger Entfernung, sorgt dafür, dass die Luft um die Pflanze herum ausgetauscht wird, ohne dass ein austrocknender Luftzug entsteht.
Die unterschätzte Wirkung des Lichts
Lichtmangel verstärkt Geruchsprobleme indirekt über den Energiehaushalt der Pflanze. Bei zu geringer Lichtintensität sinkt die Photosyntheserate, während der Wurzelstoffwechsel fortbesteht. Überschüssige Kohlenhydrate sammeln sich im Gewebe und bilden einen Nährboden für Mikroben. Die Pflanze produziert weniger Energie, als sie für Wartung und Wachstum benötigt, und muss auf Reserven zurückgreifen oder ihre Aktivität reduzieren.
Calatheas gedeihen optimal bei hellem, gefiltertem Licht, das dem Licht am Waldboden ihres natürlichen Habitats entspricht. Direktsonne führt zu Blattverbrennungen, aber ein dauerhaft schattiger Standort verschiebt das energetische Gleichgewicht hin zur Atmung. Das bedeutet: weniger Zucker für Strukturaufbau, mehr Abbauprodukte, die geruchsträchtige Moleküle freisetzen können.
Eine balancefreundliche Lichtquelle kann auch künstlich geschaffen werden, wenn natürliches Licht nicht ausreicht. LED-Pflanzenlampen mit einem Farbspektrum um 4000 Kelvin und einer photoperiodischen Steuerung von etwa 12 Stunden unterstützen die natürlichen Rhythmen der Pflanze. Sie fördern die diurnale Blattbewegung, bei der die Calathea ihre Blätter morgens öffnet und abends hochklappt – ein Phänomen, das ihr den englischen Spitznamen „Prayer Plant“ eingebracht hat.
Gerüche als diagnostisches Werkzeug
Gerüche gelten in der Botanik selten als Messgröße, doch bei Calatheas besitzen sie diagnostischen Wert. Unterschiedliche Geruchsnoten lassen Rückschlüsse auf spezifische Ursachen zu: Modrig-sauer deutet auf Sauerstoffmangel und die Aktivität anaerober Bakterien hin. Ranzig-fettig weist auf die Zersetzung abgestorbener Blätter oder Wurzelteile im Substrat hin. Erdig-pilzartig signalisiert die Entwicklung von Schimmel oder den Abbau von Torfkompost. Faulig-sulfidisch deutet auf schwefelreduzierende Bakterien hin, die sich typischerweise in stehendem Wasser im Untersetzer ansiedeln.
Ein sensibler Geruchssinn kann also als Frühwarnsystem dienen. Wer den Geruch richtig deutet, kann eingreifen, bevor visuelle Symptome wie braune Ränder oder welke Stiele auftreten. Dies ermöglicht eine proaktive Pflege, die Probleme verhindert, bevor sie ernsthaft werden. Regelmäßiges „Schnuppern“ an der Pflanze kann Teil einer aufmerksamen Pflegeroutine sein.
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